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Lei­tungs­wirr­warr im Bo­den und kei­ner fühlt sich zu­stän­dig

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Ge­fahr von Lei­tungs- und Ka­bel­schä­den bei Bag­ger­ar­bei­ten steigt

(18.05.2020) Bei ei­nem Not­e­in­satz we­gen ei­nes ge­bro­che­nen Was­ser­roh­res oder ei­ner de­fek­ten Gas­lei­tung muss es oft sehr schnell ge­hen. Erst rü­cken die Tief­bau­fir­men an, um den Bo­den auf­zu­bag­gern und die Lei­tun­gen frei zu le­gen. Dann kom­men die Ver­sor­gungs­wer­ke, um ihre Net­ze zu fli­cken. Schlecht nur, wenn der Bag­ger­fah­rer bei solch ei­nem Ad-hoc-Ein­satz nicht ge­nau weiß, wo ex­akt die Lei­tun­gen ver­lau­fen.

Das pas­siert häu­fi­ger als man denkt, denn im­mer mehr Netz­sys­te­me durch­zie­hen den Bo­den: Was­ser­lei­tun­gen, Ab­was­ser­roh­re, Strom­lei­tun­gen, Breit­band­ka­bel. Und je­des Jahr wird das Lei­tungs­wirr­warr im Erd­reich grö­ßer. Das Pro­blem: In vie­len Kom­mu­nen gibt es für die je­wei­li­gen Netz­wer­ke kei­nen wirk­li­chen Über­sichts­plan. Das kann letzt­lich teu­er wer­den.

Die ver­se­hent­li­che Be­schä­di­gung von Lei­tungs­net­zen im Bo­den ver­ur­sacht jähr­lich Kos­ten in Mil­lio­nen­hö­he. Je­des Jahr wer­den den Sach­ver­si­che­run­gen ca. 100.000 Scha­dens­fäl­le ge­mel­det, für die Ent­schä­di­gun­gen in Höhe von rund 500 Mio. Euro ge­leis­tet wer­den müs­sen. Fach­leu­te ge­hen al­ler­dings von we­sent­lich mehr Scha­dens­fäl­len und da­mit noch hö­he­ren Kos­ten aus. Hin­zu kom­men wirt­schaft­li­che Ein­bu­ßen für Un­ter­neh­men, die auf En­er­gie­ver­sor­gung und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge an­ge­wie­sen sind. Au­ßer­dem kön­nen sol­che Vor­fäl­le auch Per­so­nen­schä­den mit ent­spre­chen­den Fol­ge­kos­ten nach sich zie­hen, etwa wenn Bau­ar­bei­ter bei Bag­ge­run­fäl­len ver­letzt wer­den. Ein schwer kal­ku­lier­ba­res Ri­si­ko also, das mög­lichst ver­mie­den wer­den soll­te - am bes­ten durch Prä­ven­ti­on.

We­sent­li­che Vor­aus­set­zung zur Scha­dens­ver­mei­dung ist laut Tho­mas Möl­ler, Haupt­ge­schäfts­füh­rer der Bau­wirt­schaft Ba­den-Würt­tem­berg, eine mög­lichst früh­zei­ti­ge, voll­stän­di­ge und vor al­lem de­tail­lier­te In­for­ma­ti­on der Bau­fir­men über sämt­li­che vor Ort vor­han­de­nen Lei­tun­gen. Doch ge­nau hier hakt es. Vie­le Kom­mu­nen hät­ten schlicht­weg kei­nen Über­blick, wel­che Lei­tun­gen in ih­rem Ge­mein­de­ge­biet wo ge­nau ver­legt sind. "Lei­der gibt es bis heu­te kei­ne zen­tra­le Ko­or­di­nie­rungs­stel­le für Lei­tungs­aus­künf­te, die das ge­sam­te Netz­werk in Ba­den-Würt­tem­berg ab­deckt. Un­se­re Be­trie­be müs­sen des­halb meist selbst im Vor­feld von Bau­maß­nah­men müh­sam die wich­tigs­ten Da­ten bei der zu­stän­di­gen Kom­mu­ne oder den ein­zel­nen Ver­sor­gern ein­ho­len. Oft­mals sind die An­ga­ben, die sie zur Lage der Ab­was­ser- und Ver­sor­gungs­lei­tun­gen be­kom­men, zu­dem noch un­ge­nau oder un­voll­stän­dig. Es feh­len z.B. wei­ter­füh­ren­de Hin­wei­se zur Tie­fen­la­ge von Ka­beln und Roh­ren oder zu be­kann­ten Hin­der­nis­sen im Bo­den. So kann man als Bau­fir­ma nicht si­cher ar­bei­ten", be­klagt Tho­mas Möl­ler. Letzt­lich füh­le sich aber kei­ner für das Netz­werk­cha­os im Bo­den zu­stän­dig. Sinn­voll wäre es, wenn man alle Net­ze über ein zen­tra­les On­line-Ver­zeich­nis er­fas­sen und auf Knopf­druck ab­ru­fen könn­te. "Was wir drin­gend brau­chen, ist ein di­gi­ta­ler Mas­ter­plan für sämt­li­che Lei­tungs­netz­wer­ke im Land."

Un­ge­klärt ist auch die Fra­ge der Haf­tung bei Lei­tungs­schä­den. Es dür­fe nicht - wie bis­her üb­lich - die ge­sam­te Ver­ant­wor­tung der Scha­dens­ver­mei­dung al­lein auf die aus­füh­ren­den Bau­un­ter­neh­men ab­ge­la­den wer­den nach dem Mot­to: Wer den Scha­den ver­ur­sacht, bleibt auf den Kos­ten sit­zen. "Letzt­lich geht es um Haf­tungs­ri­si­ken, die fair auf alle Be­tei­lig­ten ver­teilt wer­den müs­sen", for­dert Möl­ler. Er kri­ti­siert zu­gleich die Recht­spre­chung, die oft ein­sei­tig den Bau­be­trie­ben bei­nah sämt­li­che Sorg­falts­pflich­ten im Zuge von Tief­bau­ar­bei­ten auf­er­legt. Die An­for­de­run­gen gin­gen so­gar so weit, dass Un­ter­neh­men selbst bei sorg­fäl­tigs­ter Pla­nung und Ar­beits­vor­be­rei­tung für auf­tre­ten­de Lei­tungs­schä­den zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen wür­den. Fak­tisch lau­fe dies auf eine ver­schul­dens­un­ab­hän­gi­ge Ge­fähr­dungs­haf­tung hin­aus. "Das führt dazu, dass von un­se­ren Fir­men so­gar ab­ver­langt wird, das Erd­reich per Schau­fel in fünf Me­ter Ab­stand links und rechts ei­ner Lei­tung ab­zu­tra­gen, nur um zu schau­en, wo ge­nau die­se im Bo­den ver­läuft. Das ist eine ab­sur­de Ent­wick­lung!"

Die Bau­wirt­schaft Ba­den-Würt­tem­berg for­dert da­her, dass sich Kom­mu­nen und Ver­sor­gungs­un­ter­neh­men künf­tig glei­cher­ma­ßen an Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men zur Ver­mei­dung von Lei­tungs­schä­den be­tei­li­gen. Drin­gend er­for­der­lich wäre zu­dem eine ge­setz­li­che Aus­kunfts­pflicht für Lei­tungs­be­trei­ber ge­gen­über den aus­füh­ren­den Tief­bau­fir­men, in der die Netz­be­trei­ber für die Rich­tig­keit ih­rer er­teil­ten Aus­künf­te ein­ste­hen.

(Quelle:Bauwirtschaft Baden-Württemberg)