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No-Claim-no-blame-Kultur am Bau?

Im Raum des Planens, Bauens und Abrechnens kann eine gewisse Müdigkeit erlebt werden, Streitmüdigkeit. Müdigkeit des Streites um Abrechnungen, Nachträge und Bauzeitansprüche. Das Vertrauen in die Lösungskraft der ordentlichen Gerichtsbarkeit mit Tempo und hinreichender Fachkunde geht verloren. Und wenn schon streiten, dann wenigstens nicht vor einem staatlichen Gericht, dann wenigstens bei einem Schiedsgericht; Ralf Leinemann in NZBau 2021, 425.

Die Lust, Projekte von vorneherein verstärkt auf Partnerschaftlichkeit auszurichten, nimmt zu. Projekte so zu organisieren, dass unter einem von möglichst vielen Projektbeteiligten gemeinschaftlich gefundenen Qualitäts, Zeit- und Kostenziel das Im-Grunde-gut-sein des Menschen (Rutger Bregman, Eine neue Geschichte der Menschheit) und weniger das Gegeneinander im Vordergrund steht. Das Commitment der Projektmenschen und eine No-Claim-no-blame-Kultur soll durch Modelle der intergrierten Projektabwicklung (IPA) mit Mehrparteienverträgen gefördert werden.

Wird Claimmanagement darunter sterben?

Sicher nicht, denn, wie es bereits einige unter uns lebensnah ausdrücken: Die Bereitschaft des Einzelnen, sich einem gemeinsamen Ziel unterzuordnen, reicht genau bis zum eigenen Geldbeutel. Das eigene Interesse zu wahren, ist menschlich. Das dürfte auch so bleiben. Wenn wir es aber schaffen, einander zuzuhören, uns in die Perspektive des Anderen hineinzubegeben, dabei selbstverständlich auch die eigene Wahrheit ruhig und klar zu äußern, kann Verständigung auch im Klima höherer Streitkultur gelingen. Mitunter kann der Verständigung ein Mediator, Schlichter oder Adjudikator auf die Beine helfen. Werner Langen schlägt vor, Gesprächsmoderation als zeitgemäße, ernsthafte und verhältnismäßig schlanke Streitalternative in Betracht zu ziehen; siehe Festschrift für Stefan Leupertz zu dessen 60. Geburtstag (2021).

Eine gute Sache:
Das Im-Grunde-gut-sein des Menschen herausfordern.



Dr. Matthias Drittler
(erstellt am 16.07.2021 um 09:27 Uhr)

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